Musisch-soziale Methode

Das „Furtwänglersche Kompositionsdreieck“ („Musisch-soziale Methode“)

Das Furtwänglersche Kompositionsdreieck ist jenes Dreieck – „(1.)Komponist“ – „(2.)Interpret“ – „(3.)Publikum“, welches in der Definition der „Musisch-sozialen Methode“ – begründet durch Prof. Renate Spitzner – steht und aus dem schriftstellerischen wie kompositorischem Schaffen des Komponisten (siehe Literaturangaben) und Dirigenten Wilhelm Furtwängler (* 25. Januar 1886 in Berlin, +30. November 1954 in Ebersteinburg bei Baden-Baden ) abgeleitet wird und die Grundlage der „Musisch-sozialen Methode“ bildet.

 Die Dreieckspunkte und ihre Bedeutung:

Musisch-soziale Methode
Musisch-soziale Methode

(1.) Der Komponist

(2.) Der Interpret

(3.) Das Publikum

Die Dreieckspunkte des Kompositionsdreiecks stehen in einem lebendigen Wechselspiel zueinander und ermöglichen eine differenzierte Zusammenschau wobei eine Berücksichtigung der Befindlichkeit des „Interpreten (2.)“ sowie des „Publikums(3.)“ durch den Komponisten ermöglicht ist.

* Mögliche Berücksichtigung der „Befindlichkeit“ durch den Komponisten:

Durch die „Musisch-soziale Methode“ werden diese „Befindlichkeiten“ als schöpferische Möglichkeit für den Kompositionen definiert um Werke für Menschen mit seelischen Leiden speziell zu schaffen.

Werke für seelisch leidende „Interpreten (2.)“ oder für seelisch leidende „Zuhörer (3.)“ bzw. für beide (2.+3.) werden geschaffen.

* Anmerkung: Der Komponist muß hier keine therapeutische wie pädagogische Ausbildung mitbringen.

Es wird aber für den Komponisten unumgänglich sein sich mit der Thematik, die zu seinem Kompositionsfeld gehört, zu beschäftigen – wenn ein Komponist z.B. ein sakrales Werk schafft benötigt er als Komponist zwar keine vollständige theologische Ausbildung, jedoch muß er seinen Geist für die sakrale Dimension öffnen.

Es wird also ratsam erscheinen sich mit den Grundfragen therapeutischen, pädagogischen Denkens (etc.) zu befassen- ebenso wie bei Sakralmusik der Komponist sich mit religiösen Fragen ausreichend auseinandersetzen wird.

 * Das Furtwänglersche Kompositionsdreieck als Hilfsmittel zum Verständnis der Musikgeschichte:

Das Furtwänglersche Kompositionsdreieck steht aber auch im historischen Zusammenhang. Es ermöglicht die Veranschaulichung des Wechselspiels der 3 Komponenten(1.-2.-3.) im Bezug auf vergangenes wie zukünftiges Musikschaffen.

Diese Tatsache lässt Furtwängler in seinen Schriften immer wieder auf die Kompositionen der Vergangenheit schöpferisch blicken und hält diese Erkenntnisse auch für die Anforderungen an zukünftige Kompositionen aufrecht.

Das Kompositionsdreieck ermöglicht so eine „Ausgeglichenheitsschau“ für ein zukünftiges Kunstwerk ohne es in seiner künstlerischen Freiheit einzuengen. (siehe hierzu auch die Sinfonie Nr.2 in e-moll von Wilhelm Furtwängler).

* „Notwendigkeit der Ausgewogenheit“ im Kompositionsdreieck:

Das Furtwänglersche Kompositionsdreieck veranschaulicht auch treffend die „Notwendigkeit der Ausgewogenheit“, womit das Dreieck so bedeutsam für die „Musisch-soziale Methode“ ist.

Die „Musisch-soziale Methode“ greift diese „Notwendigkeit der Ausgewogenheit“ auf, sie steht ja bei der schöpferischen Problematik von seelisch leidenden Menschen als Aufgabenstellung im Vordergrund.

Anhand einiger Beispiele soll dies veranschaulicht werden:

 Beispiel 1: Der Komponist schreibt z.B. ohne Rücksichtnahme auf den/die Interpreten, sieht also nur seinen Standpunkt (1.) im Kompositionsdreieck.

 Die Line: Komponist(1.) – Interpret(2.) besitzt eine schwache Ausprägung:

Das Stück ist zu schwer oder zu lange, bzw. gesundheitlich gefährdend, zu laut (Hörschäden), zu dissonant (psychische Überforderung), hat zu wenige Pausen für den Spieler (Rückenschmerzen) etc., so daß seine Konzentration leicht überbeansprucht wird („virtuose Monotonie“ gff. die des Schriftbildes) oder körperlich an Grenzen stößt.

 

Beispiel 2: Der Komponist berücksichtigt nicht die Befindlichkeit im Publikum:

 Die Line: Komponist(1.) – Publikum (3.) besitzt eine schwache Ausprägung:

   Das Werk ist „zu lange“ oder „zu atonal“, „zu dissonant“, „zu rhythmisch“ etc. nimmt zu wenig Rücksicht auf die Befindlichkeit im Publikum.

(Oftmals haben „atonale“ und „dissonante“ Konzerte die Aufmerksamkeit des Publikums überfordert und überstrapaziert und die Konzertsäle waren daher selten gut besucht.)

Beispiel 3: Der Komponist berücksichtigt nur die Befindlichkeit im Publikum (3.).

 Die Linie: Komponist (1.) – Publikum (2.) besitzt eine zu starke Ausprägung (Überbetonung)

 Dem gegenüber ist eine Überbetonung, wie zu sehr „für das Publikum“, „für den Kassenumsatz“, „für die Masse“, „für die Skandalpresse“ zu komponieren auch gleichzeitig ein vernachlässigen von inhaltlichen Anforderungen, die auch „Mut und Verinnerlichung“ voraussetzten – es kommt zur Überbetonung:

Beispiel 4: Der Komponist berücksichtigt nur für Befindlichkeit des Interpreten (2.)

Die Linie: Komponist (1.) – Interpret (2.) besitzt eine zu starke Ausprägung (Überbetonung)

könnte z.B. eine zu starke Ausprägung nach virtuosen Kriterien bedeuten – dies auf Kosten der Inhaltlichen Botschaft einer Komposition. – „geistloses Tonleitern-Gekrabble“.

Anmerkung: Die Beispiele sind nur als natürliche, durchaus erweiterbare Darstellungsbeispiele gedacht.

* Die „Musisch-soziale Methode“ – mehr als Kompositionsmethode

Die „Musisch-soziale Methode“ basiert auf dem Kompositionsdreieck des Komponisten Wilhelm Furtwängler.

Sie definiert sich hier dergestalt, daß wir sie als eine kombiniert pädagogisch-therapeutische „Kompositionsmethode „bezeichnen können.

Der seelisch Leidende ist hier entweder als (Teil der) Interpreten(2.) oder (Teil des) Publikum (3.) anzutreffen – oder befindet sich sogar in beiden Dreieckskomponenten (2.+3.). Für die „Musisch-soziale Methode“ ist die Veranschaulichung der künstlerischen Problemstellung anhand des Furtwänglerschen Kompositionsdreiecks unentbehrlich. Da aber die Auseinandersetzung mit der „Befindlichkeit“ der Interpreten (2.) oder des Publikums(3.) auch eine Interaktion voraussetzt heißt die „Musisch-soziale Methode“ nicht „musisch soziale Kompositionsmethode“.

Der Komponist sitzt nicht nur und schreibt Noten, er setzt sich mit dem Ensemble und mit den Zuhörern schöpferisch auseinander (er hilft ihnen vielleicht und berührt somit die Bereiche Pädagogik und Therapie). Jene Vorgangsweise ist also in der Bezeichnung „Musisch-soziale Methode“ implementiert.

Der lebendige Dialog im Wechselspiel zwischen den Dreieckspunkten des Furtwänglerschen Kompositionsdreieck ist ein erstrebter positiver Effekt.

Es werden also nicht ausschließlich Kompositionen die für ein „spezielles Publikum“ wie z.B. für die Patienten einer Psychiatrischen Klinik geschrieben sondern es kommt zu einer schöpferischen Interaktion des Komponisten – zu einer schöpferischen und inspirierenden „Wahrnehmung“ – zu der Menschen für die er komponiert. (s.a. Literatur Liebeslied, oder Religiöser Lobpreis Gottes, Werke mit Widmung, etc…) – Der Komponist gleitet niemals in das „bloß-therapeutische“ oder das „bloß-Sonderpädagogische“ ab – jene Kunst will Kunst für Menschen bleiben.

Es wird augenscheinlich, daß die menschliche Begegnung mit seelisch leidenden Zuhörern wie seelisch leidenden Interpreten (es kann auch eine Kombination von Berufsmusikern und seelisch leidenden Musikern sein) ein Teil der „Musisch-sozialen Methode“ darstellt.

„…Die musisch soziale Arbeitsweise ist für den Komponisten also nicht nur eine Kompositionsmethode sondern eine klare wenn auch neue „Non-verbale Kommunikationsform“ mit der Sprache der KUNST jenseits von rein pädagogischen oder rein therapeutischen Konzepten.

Der Komponist ist Künstler und kommuniziert, er nimmt wahr, er verarbeitet, er schafft aus diesen Inspirationsquellen zum Seelenheil seiner Mitmenschen.“

Gerald Spitzner Nov.2007

 


Literatur:

Wilhelm Furtwängler:

„Gespräche über Musik“, F.A.Brockhaus 1983, ISBN 3-7653-0294-5

„Ton und Wort“, Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich u. Mainz 1994, ISBN 3-254-00199-0

„Aufzeichnungen 1924- 1954“, Atlantis-Musikbuch-Verlag, Zürich u. Mainz 1996, ISBN 3-254-00208-3

„Sinfonie in e-moll, Nr.2“, Musikverlag Ries und Erler, ISMN: M-013-51148

Prof. Renate Spitzner:

Das „Furtwänglersche Kompositionsdreieck I-VI“ für Violine und Viola, 2007 über venite@gmx.at

Gerald Spitzner:

„Stabat Mater“, CD mit Partitur 2007 (als PDF-Dokument) über venite@gmx.at

„Magnificat“, CD mit Partitur 2007 (als PDF-Dokument) über venite@gmx.at

Joseph Ratzinger :

„ Jesus von Nazareth“, Verlag Herder, Freiburg in Breisgau 2007, s.a. 131 – 160, ISBN: 9783451298615

Cécile Ladjali:

“Mauvaise langue”, Verlag Seuil 2007, ISBN: 9782020953351

Dante Alighieri :

„Die Göttliche Komödie“, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, 1997,

aus dem Italienischen von Friedrich Freiherr von Falkenhausen, s. Teil II-III

„Gesichter der Menschlichkeit“, Österreichischen Sozialministeriums, 2001

“Maschinelles Virtuosentum oder musisch-soziale Arbeitsweise in der Rehabilitation”, Wissenschaftlicher Beitrag zum Thema “Mensch-Macht-Maschine” an Universitätsklinik Graz, 1995, Vorstand Prof. Dr. Zapotoczky

 

 

 

 

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